Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann

Mariana Leky kann zaubern. Über die Lektüre ihres Romans „Was man von hier aus sehen kann“ wirken ihre Kräfte vollkommen unabhängig von Geschlecht, Alter oder literarischer Bildung im tiefsten Inneren eines Menschen. Ein breites Lächeln, gerundete Augen, die Körpersprache seliger Versunkenheit sind nur äußere Symptome, drei von vielen.

Haben wir je zuvor ein solches Buch in deutscher Sprache lesen dürfen? Eines, das alle verzückt, auch die schärfsten Kritiker des Feuilletons? Das in einem Dorf in tiefer Provinz die ganze Welt abbildet und hier die großen Themen ausbreitet, das Leben, das Sterben und vor allem die Liebe, die nahe und die ferne, die unerreichbare und die sich erfüllende? Das immer wieder ein Okapi als Todesboten in die Träume von Großmutter Selma entsendet und den magischen Realismus im Westerwald neu beheimatet? Das vom Wunder des Menschseins erzählt, indem es über ein Vierteljahrhundert seine Dörfler begleitet, ein jeder ausgeprägt individuell bis extrem skurril, aber vorbehaltlos liebenswert? Das weiß, dass alles eins ist und „die unbedingte Anwesenheitspflicht im eigenen Leben“ einfordert?

Das, nachdem die letzte Seite gelesen ist, mit seinem Charme, seiner Fantasie, seinem Witz und seiner Originalität unwiderstehlich dazu verführt, sofort nochmals von vorne zu beginnen?

Mariana Leky: „Was man von hier aus sehen kann“, DuMont Verlag, 320 Seiten, 20 €

 

 

 

Daniel Kehlmann: Tyll

Nach "Die Vermessung der Welt" hatte Daniel Kehlmann öffentlich beschlossen, keine historischen Romane mehr schreiben zu wollen. Dann kam Tyll.  "Ich ging davon aus, dass man mich schon nicht einsperren würde", kommentierte er auf der Frankfurter Buchmesse. Hat man nicht, man feiert ihn: "Tyll" gilt als das brillanteste Buch dieses überaus brillanten Autors.

Dabei ist Tyll, lange bevor es ein historischer Roman ist, ein Manifest der Erzählkunst, das sich nicht so sehr schert um Fakten. Das beginnt schon sehr prägnant mit der titelgebenden Figur: der historische Till Eulenspiegels lebte drei Jahrhunderte vor der Zeit des Romans, vor dem 30jährigen Krieg.

Tyll ist bei Kehlmann der Narr, der hin und wieder nur auftritt, um vogelfrei auf einem Seil über den Köpfen zu tanzen, und das Feld oder Schlachtfeld zumeist denen überlässt, die wirklich närrisch sind. All denen, die diesen großen Krieg in Gang gesetzt haben oder ihn über drei Jahrzehnte aufrecht erhalten, allen voran dieser Winterkönig Friedrich I von Böhmen nebst Gattin Elisabeth Stuart. Wie sie, beide durchaus kindlichen Gemüts, auf der Suche nach einem Exil durch das verwüstete Land irren, das ist großartig beschrieben, detailreich, wortgewaltig, kunstfertig.

Dabei ist "Tyll" keineswegs ein Antikriegsbuch, allenfalls eines über den Wahnsinn, der zur Normalität geworden ist, ein farbenprächtiges Panorama aus düsteren Zeiten, eines über Könige und Feldherren, Universalgelehrte und Dichter, die Inquisition und auch einen Drachen. Der war, als er starb, 17000 Jahre alt und zu müde, um sich weiter zu verstecken.

Danie Kehlmann: Tyll, Rowohlt, 22,95 €

 

Jean-Pierre Weill: Die Leichtigkeit des Seins

Was möchten wir zu Weihnachten lieber verschenken als "Die Leichtigkeit des Seins"? Sie findet sich auf knapp 200 Seiten in Jean Pierre Weills  Künstlerbuch, verdichtet in wenigen Worten und zarten Aquarellbildern.

Hier wird erzählt vom Ursprung alles Seins, einer Einheit, die sich aufteilte in eine komplexe Diversität - und mittendrin wir, abgestellt auf unserem Weg von Nirgendwoher nach Nirgendwohin, im ewigen Wartemodus: Wann endlich kommt das  Glück zu uns?

Dabei kannten wir es schon einmal, damals, als wir Kind waren, als unsere Welt noch heil und ganz war. Dann jedoch haben wir uns verirrt, verloren in unseren inneren Landkarten, konstruiert aus Ansichten wie diesen: wie unzulänglich wir in allen Belangen sind, dass fast immer alles schief geht und genau das ausgerechnet nur uns passiert. 

"Die Leichtigkeit des Seins" weist uns einen Weg zurück, zurück in unsere Kindheit, zurück in ein Gefühl von Einheit. Das Buch ist dabei so klar wie wahr und voller Anmut und Schönheit. Und ja, es ist ein spirituelles Buch eines sicher sehr meditationserfahrenen Autors, aber wenn Sie solche Bücher nicht gerne lesen oder lesen lassen, können Sie es auch als puren Ausdruck buddhistischer Psychologie nehmen ganz ohne Jenseitigkeit oder als betörendes Bilderbuch für Erwachsene. So oder so: es wird Ihr Leben bereichern. 

Weisheit in Schrift und Pinselstrich, so universell, so reduziert. Schauen Sie selbst:

www.youtube.com/watch

Jean-Pierre Weill: Die Leichtigkeit des Seins, O W.Barth, 20 €

 

 

Paolo Cognetti: Acht Berge

Um nichts mehr und nicht weniger geht es hier als um Gipfel, die es zu erklimmen gilt, um Lebensträume: Um Kindheit und Erwachsenwerden, um Freundschaft und Liebe, um Natur und Kultur, um Dorf und Stadt, um Heimat und die ganze Welt. Erzählt wird diese universelle und dabei doch auch sehr italienische Geschichte anhand der Biographien von Pietro und Bruno, aufgewachsen im Piemont, der eine bleibt, der andere zieht hinaus, beide wählen dabei die radikale Variante.

"Acht Berge" erscheint uns DAS Männerbuch dieses Herbst, wir Frauen haben es mit großem Gewinn gelesen.

Paolo Cognetti: Acht Berge, DVA, 20€

 

Ayelet Gundar-Goshen: Lügnerin

Nach "Löwen wecken" ist dies der dritte Roman der israelischen Autorin. Sie erzählt die Geschichte, der unscheinbaren, jungen Eisverkäuferin Nuphar. Ein kleines Missverständnis - sexuelle Belästigung durch einen ehemaligen Schlagerstar - wird eines Tages zu einer großen Lüge. Mit dieser Lüge rückt Nuphar immer mehr ins Rampenlicht der Öffentlichkeit, sie, die bislang immer im Schatten ihrer schönen Schwester stand, wird zum ersten Mal wahrgenommen und genießt die Aufmerksamkeit, die ihr zuteil wird sehr. Ihre Lüge wächst von Tag zu Tag. 

Gundar-Goshen, die Psychologie studiert hat, versteht es das Wesen der Lüge Schicht für Schicht freizulegen, sie stellt die menschliche Seele bloß und lässt die Grenze zwischen Wahr und Falsch verschwinden. 

All dies ist sehr spannend mit einer scharfen Beobachtungsgabe erzählt. Für mich das Buch der Stunde, geht es doch auch um den Anstand und die Frage, wie gehen Männer und Frauen miteinander um?! Und im Zeitalter von Fake News kommt es doch lediglich darauf an, wie gut eine Geschichte erzählt wird. Ob sie letztendlich auf der Wahrheit beruht? Am Ende interessiert das niemanden mehr.

Ayelet Gundar-Goshen: Lügnerin, Kein & Aber, 24,- €

 

Takis Würger: Der Club

Der Autor, Jahrgang 1985, Spiegel Redakteur, nahm sich vor einiger Zeit eine Auszeit vom Journalismus und studiert in Cambridge. Dort erlebte er Dinge, die ihm so radilkal absurd, so schrecklich und zugleich so faszinierend erschienen, dass er sich dachte, es lohne sich darüber ein Buch zu schreiben.

In "Der Club", geht es um den stillen, sensiblen Hans, für den man sofort viel Sympathie entwickelt, hat er doch auf tragische Weise seine Eltern verloren. Seine Tante, Professorin in Cambridge, nimmt sich seiner an und verschafft ihm dort ein Stipendium, verbunden allerdings mit der Forderung, an der Aufklärung von Vorfällen mitzuwirken, die sich im sogenannten Pitt Club zugetragen haben, einem Boxclub, einer Art Verbindung für die Sprösslinge der britischen Oberschicht. Hans, der von seinem Vater das Boxen gelernt hat, taucht ein in eine Welt, die für ihn völlig neu und zugleich fremd ist. Und er weiss natürlich nicht worauf er sich da eingelassen hat, denn schon bald wird klar, dass sich im Club Dinge ereignen, über die keiner öffentlich spricht.

Dieser Roman ist auf seinen wenigen Seiten Kriminalgeschichte, Liebesgeschichte und eine Geschichte von Freundschaft und Verrat in einem. Würgers Figuren erzählen abwechselnd aus der Ich-Perspektive, was dem Roman ein hohes Tempo verleiht. Wir werfen einen Blick hinter die Kulissen einer Eliteuniversität, in der junge Männer studieren, die sich gegen einen Alkoholkater Infusionen geben lassen, Gesichtsmasken benutzen, in der aber auch Menschen landen, die von ganz unten kommen, oder auch die, die es verbissen in den Club drängt, um dazuzugehören.

Ein sehr spannender und intensiver Lesegenuss.

Takis Würger: Der Club, Kein & Aber, 22 €

 

 

Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht

Der Roman, den der Autor erst kurz vor seinem Tod beendete, ist die Geschichte einer Frau und eines Mannes, die beschließen, wahrhaft und authentisch zu leben, obwohl ihre Umwelt sie kritisiert und verurteilt.
Addie Moore und Louis Waters wohnen nur ein paar Häuser voneinander entfernt, beide über 70, verwitwet und allein lebend. Sie kennen sich noch nicht einmal besonders gut. Eines Tages steht sie vor seiner Tür und macht ihm einen ungewöhnlichen Vorschlag: ob er nicht ab und zu bei ihr übernachten könne, sie sei einsam, sie wünsche sich nur Gesellschaft. Louis ist zunächst verblüfft, macht sich aber einige Abende später auf den Weg zu ihr.
Im Dunkel der Nacht können sie über alles reden, was sie bewegt, über Alltägliches ebenso wie über ihre verstorbenen Ehepartner, seine Affäre und den frühen Tod ihrer Tochter, ihre Erinnerungen und Träume.
Immer öfter liegen sie nachts beianander und vetrauen sich ihre Gedanken an. Es entsteht eine innige Vertrautheit, sogar eine späte Liebe. Auch für ihren Enkel Jamie wird Louis eine wichtige Bezugsperson.
Ihre Nachbarn, Bekannte, die gesamte Kleinstadt ist jedoch empört über das unangemessene, unsittliche Benehmen der zwei alten Menschen. 
Kent Haruf ist eine zärtliche, liebenswürdige Geschichte um ein brisantes Thema gelungen: Die Liebe in späten Jahren, behutsam und mit viel Empathie geschrieben; mit der weisen Botschaft, sich das späte Glück nicht nehmen zu lassen.
Freuen Sie sich auf die Lektüre!
Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht, Diogenes Verlag, 20 €

 

 

 

Norman Ohler: Die Gleichung des Lebens

Beginnt man diesen Roman zu lesen, findet man sich sofort im Jahr 1747 wieder. Friedrich der Große benötigt Geld, die Schlesienkriege haben alle finanziellen Ressourcen aufgebraucht.  Auf der Suche nach Land, auf dem fleißige Untertanen angesiedelt und dort Ackerbau betreiben sollen, kommt er auf die Idee das Oderbruch urbar zu machen. Die dort ansässigen Wenden rebellieren gegen dieses Projekt, sind sie doch Fischer und keine Kartoffelbauern.

Friedrich schickt den Mathematiker Leonhard Euler ins Oderbruch um die Machbarkeit dieses Projektes zu berechnen. Euler arbeitet sich in die schwierige Aufgabe ein, am Ende wird er dem König abraten, dass Projekt zu verwirklichen, der immaterielle Schaden, der durch die Zerstörung einer ganzen Landschaft angerichtet wird ist einfach zu groß.

Euler erkrankt an einem rätselhaften Fieber und droht zu sterben, wie vor ihm schon ein französischer Ingenieur, der ebenfalls an diesem Projekt gearbeitet hat. Ein Mord und ein Mordversuch?

Die antreibenden Machtverhältnisse,  die wirtschaftlichen Interessen und die Furcht und Ablehnung der dort lebenden Menschen vor den Fremden, die wegen ihrer Religionszugehörigkeit ihre angestammte Heimat verlassen müssen, thematisiert Ohler gekonnt in seinem enorm packenden Roman.

Ein wunderbares Buch und eine Empfehlung für Männer.

Norman Ohler: Die Gleichung des Lebens, Kiepenheuer & Witsch, 22 €

 

 

J. D. Simons: Ein feines Gespür für Schönheit

Dieser ungemein elegant und tiefgründig geschriebene Roman wird auf 2 Zeitebenen erzählt. Zum einen sind es die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts, der junge Edward erbt und nun ist es ihm möglich Japanologie zu studieren. Er lernt die junge amerikanische Künstlerin Macy kennen, verliebt sich, beide führen eine schwierige und turbulente Beziehung . Als Macy sich von Edward trennt, geht er nach Japan, nimmt einen Job an, gibt ihn wieder auf und mietet sich in einem luxuriösen Hotel, inmitten von Bergen und Wäldern gelegen, ein. Er schreibt dort an seinem Roman, der ihn über Nacht berühmt macht und der Start zu seiner erfolgreichen Schriftstellerkarriere ist. 

Nach über 50 Jahren kehrt Edward nach Japan zurück. Er besucht Freunde, das Hotel und trifft dort auch auf Sumiko, seine große Liebe während seines damaligen Aufenthaltes.

Mit diesem komplexen, kunstvoll aufgebauten Roman, gelingt Simons das Kunststück, eine bewegenden Liebesgeschichte mit einer historisch-politischen Ebene zu verweben. Dabei geht er der Frage nach Schuld – auch im persönlichen – auf den Grund. Und er führt uns ein, in die betörend exotische Welt Japans, die durch einen Vernichtungskrieg fast ausgelöscht wurde.

Ein wunderbarer Roman über Liebe, Schuld, Scheitern, Sühne, einfach großartig!

J. David Simons: Ein feines Gespür für Schönheit, Europa Verlag, 19,90 €

 

 

Tristan Garcia: Faber. Der Zerstörer

Dass der Autor nicht einen banalen Entwicklungsroman geschrieben hat, wird schon klar, wenn man seine Vita liest: Er wurde 1981 in Toulouse geboren, lehrt Philosophie  in Lyon und Paris, sein umfangreiches Werk umfasst philosophische Texte ebenso wie Romane. Dies ist sein 13. 
In Frankreich gilt er als herausragende intellektuelle Stimme seiner Generation. Dem Roman voraus ging Garcias philosophischer Essay über die „ Intensivierung des Lebens“ als Ziel des modernen Menschen; und in diesem Zusammenhang steht auch dieser Roman.

Faber, die titelgebende Figur, wird im Untertitel gleich als „der Zerstörer“ gebrandmarkt. Von Kindheit an gelingt es dem hochbegabten Waisenkind, Ordnungen zu ändern, im Lycee entmachtet er den Bandenanführer und wird selbst zum Held der Schwächeren. Die sensiblen Außenseiter Madeleine und Basile werden zu seinen engsten Freunden und späteren Jüngern. Faber ist eine Art Christusfigur mit teuflischen Anteilen. Nicht nur einen ungerechten Lehrer treibt er in die Depression. Durch seine Intelligenz, Belesenheit und sein Freidenkertum ist er für seine Freunde ein absolutes Ideal. Doch irgendwann erwacht das Böse in ihm, und er stürzt die Stadt ins Chaos und seine Freunde ins Unglück. 
Garcia hat einen packenden Roman  mit psychologischer Tiefe geschrieben, aber bei weitem nicht nur das: es ist auch eine Kriminalgeschichte über mysteriöse Todesfälle und politische Verschwörungen. Er spielt sogar mit Elementen der fantastischen Literatur. Die drei Erzähler führen den Leser durch ein Labyrinth aus Perspektiven, Verdächtigungen und Visionen der Wahrheit.

Keine leichte Kost, aber für anspruchsvolle Leserinnen und Leser wohl eine der interessantesten Neuerscheinungen des Herbstes.

Tristan Garcia: Faber. Der Zerstörer, Wagenbach, 24 €

 

 

Sabrina Janesch: Die goldenen Stadt

Vor einigen Jahren stellte sich heraus, dass der wirkliche Entdecker der Inkastadt Machu Pichu in Peru, ein Deutscher namens Rudolf August Berns ist. 1867 und somit lange vor dem bis dahin geltenden Entdecker, dem Amerikaner Hiram Bingham, der die Stadt 1911 entdeckt haben soll.
Das hat die Autorin dazu gebracht sich auf die Spuren dieses Deutschen zu begeben, von dem man bis dahin so wenig wusste. Sie hat für diesen Roman seine Geschichte recherchiert, sich durch viele Archive und Aufzeichnungen gelesen und sich auf die Reise in die Anden gemacht, auf die Spuren von Rudolf August Berns.
Wir erfahren, dass Rudolf August Berns 1842 als Sohn eines Weinhändlers in Uerdingen zur Welt kommt. Schon als kleiner Junge hat er am Rhein Gold gewaschen und sich in ferne Länder und Welten geträumt, stark beeinflusst durch die Schriften von Alexander von Humboldt, den er in Berlin wahrscheinlich sogar einmal getroffen hat. 
Er beschliesst sich auf den Weg nach Peru zu machen, um die goldene Stadt, von der er schon so viel gelesen hat, zu finden.
In Peru angekommen, nennt er sich fortan Rudolfo Augusto Berns, er arbeitet als Ingenieur und Vermesser beim Bau der Eisenbahn mit, ist beim Bau des Panamakanal beteiligt…
… um dann schließlich die sagenumwobene Stadt der Inka zu entdecken.
Dieses Buch ist ein großes Lesevergnügen, ein großer Abenteuerroman, sehr gut recherchiert, phantastisch und fesselnd erzählt mit einem sehr sympathischen Helden. Er zeigt, was es bedeutet für seine Träume zu leben und ist eine Hommage an die Grenzenlosigkeit der menschlichen Neugier.

Sabrina Janesch: Die goldenen Stadt, Rowohlt, 22,95 €

 

Ayelet Gundar-Goshen: Löwen wecken

Eitan Grein arbeitet seit kurzem als Neurochirurg in einem neuen Krankenhaus. Aus Tel-Aviv stammend, ist er mit Frau und Kindern in den staubigen Süden von Israel gezogen. Er ist Anfang 40, ein guter Arzt, politisch links, ein "sogenannter" aufrechter Charakter.

Nach einer langen zwanzig Stunden-Schicht im Krankenhaus, ohne Schlaf, steigt er eines Abends in sein Auto um nach Hause zu fahren. Eigentlich hundemüde, aber noch mit einem Rest Adrenalin im Körper, beschließt er durch die Negev Wüste zu fahren. Dort überfährt er einen illegalen, afrikanischen Immigranten und begeht Fahrerflucht, nachdem er erkennt, dass er nichts mehr für den Mann tun kann.

Am nächsten Morgen ist sein Leben nicht mehr das, was es am Tag zuvor war.... 

Dieses Buch ist spannend erzählt wie ein Kriminalroman und es zeigt, wie Menschen in Situationen geraten können, in denen hohe Ideale, aber auch Lebenslügen, der Realität nicht mehr standhalten können. "Löwen wecken" ist eine nachhaltige Verstörung, ein existentialistischer Roman, der den Leser veranlasst, seine eigene Position immer wieder neu zu hinterfragen - wie würde ich handeln?

Absolut lesenswert!

Ayelet Gundar-Goshen, Kein & Aber, 13,- €

 

 

 

 

 

Isabel Bogdan: Der Pfau

Jetzt neu als TB, schon nach Erscheinen 2016 einer unserer Lieblinge
„Der Pfau“ ist eine locker erzählte Gesellschaftssatire, sie spielt in dem mehr alt- als ehrwürdigen Herrenhaus von Lady und Lord McIntosh.
Um den Unterhalt des Gebäudes zu finanzieren, vermieten sie  gelegentlich einen ansonsten unbewohnten Flügel an Gäste. Da kommt es ihnen sehr gelegen, dass sich im Spätherbst eine Gruppe von Bankern aus London meldet, um in der Abgeschiedenheit der schottischen Highlands ein Teambilding- Seminar durchzuführen.

 Das Zusammentreffen von britischer Upper Class mit den Bankern einerseits und einer manchmal etwas überforderten Seminarleiterin, den pragmatischen Hausangestellten, Lord und Lady sowie mehreren Tieren andererseits, bietet Stoff für diese dynamische Komödie.
Eine nicht ganz unwichtige Rolle spielt dabei einer von fünf Pfauen, ein Männchen, die auf dem Landgut leben. Leider hat dieser neuerdings die Angewohnheit, alles Blaue als seine Konkurrenz anzusehen und anzugreifen. Der Blaumetallic- Lackierung des Wagens der Abteilungsleiterin bekommt das nicht gut, was zu allerlei Verwicklungen führt.

Als Leser hat man sofort Bilder im Kopf, gespeist von Fernsehfilmen wie „Downton Abbey“ oder „ Inspector Barnaby“, die für eine heimelige Grundstimmung sorgen.
Aber keine Angst, Sie erwartet kein kitschiges Romänchen, dafür sorgt schon die Tatsache, dass Idie Autorin schon seit Jahren als Übersetzerin anspruchsvoller englischer Autoren gearbeitet hat, bevor sie dieses Buch schrieb und darüberhinaus wunderbar mit Sprache umzugehen versteht.

Isabel Bogdan: Der Pfau, Insel, 10,- €

 

Antoine Laurain: Der Hut des Präsidenten

Nach dem erfolgreichen Roman “ Liebe mit 2 Unbekannten“ hat Antoine Laurain wieder einen äußerst charmanten Roman veröffentlicht.

Wir sind in Paris, im Jahr 1986, und es regiert Francois Mitterand.
Der Buchhalter Daniel Mercier sitzt in einer Brasserie, die eigentlich etwas zu teuer für ihn ist, aber er hat heute das Bedürfnis, sich etwas zu gönnen. Mit viel Glück hatte er einen Tisch ergattert, freut sich auf seine Meeresplatte Royal und eine Flasche Burgunder, da betritt Francois Mtiterand das Lokal, um genau am Nebentisch mit seinen Freunden zu speisen. Daniel geniesst die Zeit in so prominenter Nachbarschaft. Nachdem der Präsident das Lokal verlassen hat, bemerkt Daniel dessen vergessenen Hut und beschließt spontan, ihn an sich zu nehmen. Am nächsten Tag trägt er ihn mit neu erwachtem Selbstbewusstsein.

Und so beginnt die Geschichte des Hutes, der noch öfter verlorengeht und das Leben der Menschen, die ihn finden, immer  positiv verändert. 
Liegt es an der Magie des Hutes, durch die die bisher verborgenen Seiten der Menschen sichtbar werden? Was braucht es, um dem Leben eines Menschen eine andere Richtung zu geben?

Die Erfolgsgeschichten werden vom Autor so liebevoll beschrieben, dass man das Gefühl bekommt, selbst in Paris in einem Bistro zu sitzen und Alles mit eigenen Augen zu beobachten.
Das ideale Buch für eine entspannte Auszeit!

Antoine Laurain: Der Hut des Präsidenten, Droemer Knaur, 10,99 €

 

 

Carmen Korn: Töchter einer neuen Zeit

Der Roman beginnt im Jahr 1919, der erste Weltkrieg ist gerade vorbei und Henny Godhusen  beginnt voller Optimismus und Lebensfreude eine Ausbildung zur Hebamme.

Sie und noch drei weitere Frauen, begleiten wir auf Ihrem Lebensweg. 

Ida, eine junge Dame aus besseren Kreisen, naiv, oberflächlich, die gezwungenermaßen eine Ehe eingeht und sich nur mit Mühe aus dieser Misere befreien kann. Im Gegensatz dazu Käthe, Hebammenschülerin,  wie Henny und Kommunistin, die mit dieser Überzeugung in der Zeit des Nationalsozialismus schwere Zeiten durchlebt hat. Und schließlich Lina, eine junge idealistische Lehrerin, die sich für ein unkonventionelles Leben entscheidet.

Dieses Buch ist ein toller Schmöker, flott geschrieben, man taucht ein in das Leben der Figuren und in die Zeitgeschichte.

Absolut empfehlenswert!

Carmen Korn: Töchter einer neuen Zeit, Rowohlt TB, 10,99 €

 

Fritz Gruber: 1000 Mal gehört, 1000 Mal fast nix kapiert

Allein die Anspielung auf einen bekannten Songtitel lässt uns
vermuten, dass es in diesem Buch um Musik geht.

Und richtig:  der Autor bringt uns auf eine höchst vergnügliche Art und Weise die
Texte von englischsprachigen Songs der 60iger und 70iger Jahre nahe,
indem er sie nicht nur übersetzt, sondern auch von ihrer
Entstehungsgeschichte erzählt und damit manches Lied in einem
anderen Licht erscheinen lässt.
Wenn wir z. B. mit größter Begeisterung „ Brown Sugar“ von Keith
Richards und Mick Jagger mitträllern, ist wahrscheinlich den
Wenigsten klar, worum es dort geht: dass brown sugar die x-te
Umschreibung für Heroin ist, hat wohl Jeder schon mal gehört, aber
dass dieses Lied von Sklaverei, Gewalt und unfreiwilligem Sex mit
minderjährigen schwarzen Mädchen handelt, schockiert dann doch.
Oder „Me And Bobby Mc Gee“: Zumindest den Refrain des in der

Version von Janis Joplin weltbekannt gewordenen Songs konnten wir noch alle ganz gut mitsingen. Aber bei den 6 Strophen kapitulieren wir schnell angesichts der amerikanischen Umgangssprache.
Und wussten Sie, dass der Titel „ In A Gadda Da Vida“ unter Alkohol-und LSD Einfluss total vernuschelt aus

„ In The Garden Of Eden“ entstanden ist?

Fritz Gruber: 1000 Mal gehört, 1000 Mal fast nix kapiert, Quinto, 16,99 €

 

 

Gisela Keil: 365 Gärten - Ratgeber und Tagebuch fürs ganze Jahr:

Vor einigen Jahren gab es schon einmal so einen immerwährenden Kalender.

Nun hat ihn die Deutsche Verlagsanstalt  neu herausgegeben.

Das Format hat sich verändert, Texte und Bilder sind komplett neu.

Es ist ein Kalender, ein Buch mit stimmungsvollen Fotos und einer Vielzahl an Gartentipps, zum Auf-den-Tisch-legen und täglich eine Inspiration genießen.

Gisela Keil: 365 Gärten, DVA, 24.95 €

 

 

  

Marc-Uwe Kling: Qualityland

Bekannt wurde Marc-Uwe Kling auf Lesebühnen in ganz Deutschland durch die Känguruchroniken. Jetzt ist mit Qualityland sein erster Roman erschienen.

In Qualityland schildert er eine mögliche Zukunft, in der Technik unser komplettes Leben bestimmt. Und er beschreibt einen Alltag, der erschreckend gut vorstellbar ist.
Es ist eine durchdigitalisiert und ökonomisierte Welt, eine Gesellschaft, in der Menschen aus Fleisch und Blut auf Augen- und Gesprächshöhe mit Androiden leben, die den Menschen die Arbeitsplätze wegnehmen und eine Welt in der es keine Zufälle mehr gibt, weil alles berechnet wird, und Algorithmen den Menschen besser kennen, als er sich selbst.
Qualityland ist ein Sammelsurium an Einfällen und als Hörbuch - für Jung und Alt - sehr zu empfehlen.

Marc-Uwe Kling: Qualityland, Hörbuch Hamburg, 18,- €

 

 

Vincent Almendros: Ein Sommer

Dieses Buch hat es in sich: So blutrot der Leineneinband der Wagenbach-Ausgabe, so glutheiß ist die Geschichte, die Vincent Almendros auf 96 Seiten offenbart. Ihr Titel lautet „Ein Sommer“, sie endet mit dem Satz „Cool, sagte ich.“ und ist eingespannt zwischen der großen Hitze der Ereignisse und der kühlen Eleganz des Erzähltons.

Nur so viel sei vom Inhalt verraten: Es gibt vier Protagonisten, drei Franzosen, eine Skandinavierin, durcheinander gequirlt in diversen Beziehungsmustern, Brüder, Geliebte, Fast-Ex-Geliebte, Ex-Geliebte. Im keineswegs stillen Zentrum dieses Hurrikans, dort, wo alle diese Muster greifen, steht der jüngere Bruder, der Ich-Erzähler, ahnungslos, überfordert, verwirrt, aber um Haltung bemüht. Ihm folgt der Leser.

Der ältere Bruder hat geladen: Die vier kommen zu einem Segeltörn von Neapel nach Capri zusammen, die Yacht ist klaustrophobisch eng, die Temperaturen steigen, die Grenzlinien werden unscharf, alles scheint möglich.

Auch dem Leser: die Atmosphäre von „Ein Sommer“ erinnert an die Filme des „Master of Suspence“, Alfred Hitchcock. Wie er versteht es Vincent Almendros, eine psychologische Spannung, keine kriminalistische, aber eine hocherotische, aufzubauen und äußerst subtil aufrecht zu halten. Und wie der Altmeister hat er ganz am Ende ein Szenario zu bieten, das vollkommen überrascht. Eben cool!

Vincent Almendros: Ein Sommer, Wagenbach, 96 Seiten, 15€

 

Isabelle Autissier: Herz auf Eis

Louise, die Finanzbeamtin, und Ludovic, der Eventmanager, verlassen für ein Sabbatjahr die Komfortzone ihres Pariser Großstadtlebens und begeben sich auf Weltumseglung. Aus diesem Spaß wird Ernst: Als sie sich – gegen alle Verbote – in Antarktisnähe auf eine als Naturreservat ausgewiesene Insel absetzen, bricht in der Nacht ein gewaltiger Sturm über sie herein, am nächsten Morgen ist ihr Segelboot verschwunden.

Das ist die Versuchsanordnung, aus der Isabelle Autissier ihren für den Prix Goncourt nominierten Roman „Herz auf Eis“ entwickelt, ein klaustrophobisches Kammerspiel in der Weite des Polarmeers. Denn der überaus smarte Abenteurer Ludovic und Louise, die Stille, Scheue, deren Passion das Bergsteigen ist, sind der Eiseskälte und dem Hunger ebenso ausgeliefert wie dem Du und dem Ich - und der Frage: Was bleibt vom Menschsein, von seiner Essenz, wie noch Würde und Liebe retten, wenn es um die pure Existenz geht, das nackte Überleben?

Unter solchen Umständen verbietet sich jegliche Wertung von außen: Autissier beschreibt elementare Erfahrungen mit großer Unvoreingenommenheit, Präzision, Klarheit, Eindringlichkeit, Authentizität. Sie, die als erste Frau allein die Welt umsegelte, weiß, wovon sie schreibt. Und sie weiß und lässt uns wissen, dass auch am Ende noch alle Fragen offen bleiben.

Isabelle Autissier: Herz auf Eis, mare, 224 Seiten, 22 Euro

 

Stefano Benni. Die Pantherin

Ausdrücklich gewarnt sei jeder, der den eleganten, im verlagstypischen leuchtenden Rot gehaltenen Leineneinband von Stefano Bennis „Die Pantherin“ aufschlägt: Gewarnt vor einem Sog, der ihn erfassen und hineinziehen wird in den Rausch einer phantastischen, parabelhaften Erzählung, in der es um Billard geht – vordergründig. In ihren Abgründen aber reicht sie an die großen Themen um das Spiel des Lebens, Sieg und Niederlage, Liebe und Einsamkeit, den Tod.

Ort der Handlung ist in einer namenlosen italienischen Stadt – was sonst? - ein Billardsalon, ein Unterweltkosmos mit opulenter Möblierung und voller monströser Gestalten. Ein 15jähriger Ich-Erzähler fungiert als Führer, hier gestrandet auf der Suche nach seinem Leben und beschäftigt mit dem Reinigen von Pissoirs und Aschenbechern, mit scharfer Beobachtung und vorbehaltloser Bewunderung.

Sie gilt der Pantherin, einer geheimnisvollen Frau mit schwarzer Kleidung und karminrotem Lippenstift, am Queue eine Legende trotz ihrer Jugend.

Ihre Geschichte erzählt Benni kurz, klar, brillant und präzise auf ihren Höhepunkt hin, dieses letzte Spiel, bei dem sie einem Engländer, sagenumwoben wie sie selbst, gegenübertritt und, so heißt es, eine dritte Kraft wirkt...

 

Stefano Benni. Die Pantherin, Wagenbach, 89 Seiten, 15 €

 

 

Lars Mytting "Der Mann und das Holz"

Gelegenheit zu archaischer, sinnstiftender, archetypisch maskuliner Tätigkeit findet der Roetgener zuhauf vor seiner Haustür - und jetzt gibt es das passende Buch:  Lars Myttings "Der Mann und das Holz".

Wussten Sie, dass der höchste Holzverbrauch aus Bhutan gemeldet wird – und nicht etwa aus Skandinavien oder Russland? Dass die Bäume für das beste Brennholz im Frühjahr gefällt werden? Dass es einen Unterschied macht, ob Holz „Borke oben“ oder „Borke unten“ gestapelt wird? Dass der Holzstapel Rückschlüsse auf den Charakter des Staplers zulässt? Aprikosenholz brennt anders als Mandelholz. Birkenholzscheite verströmen im Kamin einen feinen Duft … 

Davon erzählt Lars Myttings Buch, das gleichzeitig auch eine Anleitung ist zum Fällen, Hacken, Stapeln – und die Kunst lehrt, ein schönes Kaminfeuer am Brennen zu halten.
Wer früher ein Taschenmesser in der Tasche hatte, wird nach Konsultation dieser ebenso informativen wie unterhaltsamen und anekdotenreichen „Bibel“ zu Axt oder Säge greifen.

Lars Mytting "Der Mann und das Holz", Suhrkamp, 18€

Mathieu Ricard „Glück“, das vielleicht wichtigste Buch in unserem LeseZeichen

Ricard, Franzose, Sohn eines Philosophen und einer Malerin, Neffe des ersten Einarmumseglers der Welt, aufgewachsen im Dunstkreis von Intellektualität, Künstler- und Abenteurertum, studierter und promovierte Biologe, Mitarbeiter des institut pasteur. Das sind nur die Kerndaten einer vergleichsweise kurzen Phase seiner Biografie. Sein Leben begann nach eigener Aussage erst danach: mit der Entdeckung des tibetischen Buddhismus. Zu dessen Kernaussage bahnt er uns in „Glück“ in klaren, einfachen Worten einen Weg: An welchem Ort der Welt Sie auch immer ihr Glück suchen: Sie suchen vergebens. Das Glück, es liegt ganz nah – in uns – und nur da.

 

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